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Westfalenland ist ein Dinoland

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BeitragThema: Westfalenland ist ein Dinoland   16.10.07 20:07

Westfalenland ist ein Dinoland

Auf dem Gebiet des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe werden immer wieder spektakuläre Saurierfunde gemacht. Das liegt nicht daran, dass dort mehr Urtiere gelebt haben als anderswo. Der Grund ist der unermüdlich suchende Klaus-Peter Lanser. Ein Porträt.

Wer Klaus-Peter Lanser treffen will, darf das Navigationsgerät im Auto getrost abstellen. Auch Landkarten helfen wenig. Stattdessen sollte man Lansers Beschreibungen im Kopf haben, mit den Augen den Horizont nach aufgerissener Erde absuchen – und dann auf gut Glück in einen Feldweg abbiegen. Schon nach zwei oder drei Wendemanövern im Acker sieht man ihn dann mit seinem braunen Filzhut auf einem Steinhaufen stehen und winken. Und wo Lanser steht, ist meist auch ein Saurier nicht weit.

Lanser ist Paläontologe in Diensten des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, zu deutsch heißt das, dass er sich wissenschaftlich mit den Lebewesen der vergangenen Erdzeitalter beschäftigt. Seit einigen Jahren verkündet der Landschaftsverband Westfalen-Lippe in schöner Regelmäßigkeit spektakuläre Saurierfunde. 1998 waren es Reste eines Raubsauriers im Wiehengebirge, „bislang in Nordrhein-Westfalen einzigartig“, wie es hieß. 2002 wurde ein europaweit einmaliger Fund gemacht. 2004 kamen im Sauerland gleich sechs verschiedene Sauriergattungen ans Licht – „bislang haben wir in Deutschland noch keinen solchen Friedhof verschiedener Saurier entdeckt“, so lautete die Mitteilung. Vor wenigen Wochen war die nächste Sensationsmeldung fällig: „Das erste vollständig erhaltene Schwimmsaurierskelett im Norden Deutschlands“ war gefunden.

Glück, Penetranz und Hartnäckigkeit
Wie kommt es zu dieser Häufung an Sauriern? War die Region einst ein von Dinos bevorzugter Wohnort? Oder ist Lanser mit einer Saurier-Spürnase begnadet? Bei solchen Fragen lacht er sein eigentümlich glucksendes Lachen. „Man muss Glück haben. Und Penetranz, Hartnäckigkeit“, sagt er. Man kann nach Sauriern nicht gezielt suchen. Niemand, auch nicht der größte Saurierfachmann, kann an der heutigen Erdoberfläche ablesen, ob möglicherweise in der Tiefe versteinerte Tiere liegen, die vor hunderten von Millionen Jahren dort verendet sind. Eines aber weiß man: Sie haben hier gelebt, im Norden Deutschlands genauso wie im Süden, im Osten wie im Westen. Und immer wenn irgendwo die Erde tief genug aufgerissen wird, besteht zumindest die theoretische Chance, auf Überreste eines Sauriers zu stoßen. Trotzdem haben die Paläontologen nicht in allen Gegenden Deutschlands solche Erfolgsgeschichten vorzuweisen wie Lanser. Wie das kommt? Lanser lacht wieder. Nichts liegt ihm ferner, als Kollegen schlecht zu machen, die Szene ist klein, da kennt jeder jeden. Er sagt nur: „Wenn ich immer in Münster an meinem Schreibtisch sitze, dann kann das nichts werden.“ Lanser ist am liebsten draußen im Gelände unterwegs.

Der Indiana Jones von Westfalen
Wann immer er kann, nimmt er selber Hammer und Spaten in die Hand, dreht Schieferplatten um und klopft knubbelige Gesteins-Verdichtungen auf, in denen ein Zahn oder ein Knochenstückchen versteckt sein könnten. Und stets hat er seinen braunen Filzhut auf dem Kopf, zum Schutz vor Regen und Sonne. Unter Kollegen wird er deswegen auch der Indiana Jones von Westfalen genannt. Freilich kann auch Lanser nicht eigenhändig alle 6000 Steinbrüche, Felsstürze oder im Bau befindliche Straßenabschnitte durchwühlen, die er in seiner Kartei registriert hat – als „potenzielle paläontologische Bodendenkmäler“. Deswegen hat er in den 90er-Jahren seinem Arbeitgeber eine ABM-Stelle abgerungen und einen jungen Forscher damit beauftragt, systematisch die Felsabbrüche im Wiehengebirge abzulaufen. Als Lanser bei einem Treffen der nordrhein-westfälischen Bodendenkmal-Pfleger von diesem Projekt erzählte, fragten die rheinischen Kollegen erstaunt nach, ob denn das Wiehengebirge noch zu Nordrhein-Westfalen gehöre. Darüber kann sich Lanser bis heute köstlich amüsieren. Die Arbeitsbeschaffungsmaßnahme war bald erfolgreich: 1996 wurden die ersten Dinos gefunden.

Ein Schüler fand versteinerte Wirbelknochen
Die meisten Funde werden allerdings nicht von Profis, sondern von Steinbrucharbeitern oder interessierten Laien gemacht. Deswegen pflegt Lanser enge Kontakte zu den Steinbruchbetreibern und ihren Arbeitern, hält mit ihnen Schwätzchen und erklärt, wonach er sucht. Und in den 22 Jahren, die Lanser beim Landschaftsverband in Münster arbeitet, hat er bei so vielen Mineraliensammler-Vereinen und vor so vielen Hobbyausgräbern Vorträge gehalten, dass mittlerweile fast jeder Westfale mindestens einen kennt, der Lansers Telefonnummer hat und weiß, dass man ihn anrufen sollte, wenn etwas ungewöhnliches zwischen den Schieferplatten zum Vorschein kommt. So kam auch die jüngste Ausgrabung zustande: Ein Schüler fand in einem Steinbruch im Kreis Höxter einige versteinerte Wirbelknochen und erzählte davon seinem Vater. Der benachrichtigte einen Bekannten; der wiederum ist einer von Lansers ständigen Informanten. Bald war Lanser mit seinem Grabungsteam vor Ort – und barg in den folgenden Wochen jenes vier Meter lange, 180 Millionen Jahre alte Skelett eines Schwimmsauriers. Nur der Kopf fehlte. Möglich, dass der schon kurz nach dem Tod des Sauriers von anderen Tieren weggefressen wurde. Möglich aber auch, dass er noch irgendwo im Steinbruch liegt. Also holte sich Lanser bei seinem Chef die Genehmigung und fuhr mit vier Leuten noch einmal raus. Die Chance, den Kopf zu finden, war nicht sehr groß, das Grundwasser lief schon in die Grube. „Aber in so einer Situation darf man nicht einfach abhauen.“ Ein typischer Lanser-Satz.

Freude an diesem magischen Moment des Findens
Er kennt viele Geschichten von Kollegen, die irgendeinen kleinen Saurierknochen fanden, dann die Grabung einstellten – und Tage später kratzte irgendein Schüler ein paar Meter daneben das ganze Skelett frei. Wenn er davon erzählt, hallt wieder das Lanser-Lachen durch den Steinbruch. Eine Stelle, an der seine Leute 1998 einen Raubsaurier fanden, ließ Lanser über drei Jahre lang abräumen, „großflächig“, wie er sagt: „Ich bin doch nicht doof – und lass mir so ein Ding von Laien wegschnappen.“ Da tritt Lansers Schatzsucher-Instinkt zutage, seine Freude an diesem magischen Moment des Findens. Und sein Ehrgeiz, der Fachwelt zu zeigen, dass nicht nur solche Berühmtheiten wie der Jurassic-Park-Berater Jack Horner bedeutende Saurierfunde machen können. Mit jungenhaftem Stolz kann er bis heute aufzählen, welche Tierarten er bereits für seine Doktorarbeit in der Nähe von Krefeld aus dem Boden zog.
Und voller Begeisterung schildert er, wie er 2004 im sauerländischen Hönnetal nach Sauriern grub und plötzlich einen Oberkieferknochen in Händen hielt, der zu einem Säugetier einer unbekannten Art gehört haben musste. 130 Millionen Jahre alt. „Das war der erste Nachweis nachwachsender Zähne!“ Wo würde Lanser graben, wenn er sich einen Platz auf der Erde aussuchen könnte? Erst versteht er die Frage gar nicht. Dann sagt er: „Genau hier, in Westfalen.“ Denn, so erklärt er: „Es hat doch keinen Sinn, irgendwo hinzugehen und die große Paläontologie abziehen zu wollen, wenn ich da kein Schwein und keinen Stein kenne.“ Gewissermaßen ist die Arbeit eines Paläontologen also mit der eines Landwirts zu vergleichen. Man muss erst säen, bevor man ernten kann.
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